Alij Montgomery

Name:
Alij Montgomery


Rasse:
Mensch


Gesinnung:
Ahnungloser Mensch


Alter:
Alij ist 21.


Aussehen:
Alij ist eine recht große Frau. Andere beneiden sie oft um ihre Größe und Figur, mit der sie Modelkarriere machen könnte, aber sie war in früheren Tagen weniger glücklich darüber, so auffallend zu sein. Sie hat ihre Statur früher als Hindernis angesehen und hat lange gebraucht, um sich selbst als schön zu empfinden, da sie als Kind immer gehänselt wurde, sie sei eine Bohnenstange. Auch ist sie sehr schlank und ihre Pfunde sind genau dort verteilt, wo sie hingehören, alles an seinem Platz und keines zu viel oder zu wenig, ein Traum für Männer. Inzwischen läuft sie stolz erhobenen Hauptes durch die Gegend und was andere denken ist ihr egal.

Ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Haare stehen meist in alle Windrichtungen wenn sie aus dem Bett krabbelt und werden erst durch Gel, Kamm, Haarspray und viel Gefluche in Fasson gebracht. Meist trägt sie ihre Pracht in einem schönen Stufenschnitt, mit ein paar frechen Stirnfransen, die in ihr hübsches Gesicht fallen. Sie pflegt ihre Haare gut und diese sind dadurch recht dick, gesund und glänzen sanft, wenn das Sonnenlicht auf sie fällt. Manchmal, wenn sie ihre Haare zusammenfasst, gewähren sie einen Ausblick auf ihren schön geschwungenen Nacken, dessen Haut einen sanften Goldton hat.

Dunkelblaue, freche, fast türkisfarbene Augen schauen wachsam in die Welt und registrieren aufmerksam alles, was um sie herum passiert. Sie leuchten oft interessiert auf und beobachten alles, was wichtig sein könnte und Bedeutung hat. Die Augenbrauen darüber sind recht schmal und werden regelmäßig nachgezeichnet, um sie deutlicher und stärker hervorzuheben. Auch die Wimpern werden regelmäßig geschminkt und durch den silbernen Glanz des Lidschattens unterstützt.

Ihr Gesicht hat weiche Linien und wirkt sehr feminin. Die vollen Lippen sind ein wahrer Blickfang und erwecken den heimlichen Wunsch, sie nachzuzeichnen und zu küssen. Die Nase ist recht klein und fällt nicht auf, im Gegensatz zu den kleinen Sommersprossen, die das gesamte Gesicht zieren. Allerdings stören diese das Bild nicht, sondern ergänzen es auf eine schöne Art und Weise.

An Narben hat Alij eigentlich nicht sehr viele vorzuweisen, zumindest sind die Narben, die sie besitzt, alle von einer Operation. Sie ist mit einem etwas kürzeren Bein auf die Welt gekommen und nachdem sich dieser Unterschied nicht ausgewachsen hatte, hat man sie am Bein operiert und dieses verlängert um die zwei fehlenden Zentimeter. Nun zieren das linke Bein rundum den Unterschenkel fünfzehn punktförmige und zwei längliche Narben, die sie nur ungern zeigt. Dadurch zieht sie kaum Kleider und Röcke an, sondern ist meist in langen Hosen zu sehen.

An Schmuck besitzt Alij einiges. Angefangen bei der silbernen Kette um ihren Hals, die einen Anhänger in Form eines silbernen Regentropfens hat. Er ist rund und ganz aus Silber ohne irgendwelche Verzierungen. Weiters trägt sie silberne Ohrringe, allerdings nicht nur normale Stecker, sondern eine Silberne Kette, die oben am Ohr, sowie unten befestigt ist. Zusätzlich hat sie seit dem letzten Jahr noch ein Zungenpiercing, das aber die wenigsten wissen oder sehen. Der letzte Schmuck, der Alijs Körper ziert, sind ihre Ringe. Sie trägt einige silberne Ringe an ihren Fingern. Insgesamt sind es fünf, an einer Hand drei an den mittleren Fingern und an der anderen Hand sind es zwei, je einen am Ringfinger und Zeigefinger.

Gekleidet ist Alij am liebsten in schwarzer Jeans oder Lederhose, die eng am Körper anliegt und diversen engen Oberteilen, oder auch weiteren, wenn sie gut geschnitten sind. Sie ist recht modebewusst und dies zeichnet sich in ihrem Kleidungsstil ab.


Charakter:
Alij wurde schon als Kind als ein Genie bezeichnet. Hochintelligent, überdurchschnittlich und über alle anderen herausragend war ihre Auffassungsgabe und das Wissen, wie etwas umzusetzen ist. Allerdings geht mit dem Genie meist auch der Wahnsinn einher und Alij ist ein chaotisches und wechselhaftes Wesen. Ihre Laune kann in Sekunden von himmelhoch jauchzend auf zu Tode betrübt fallen und wieder wechseln. Man weiß nie, was sie gerade denkt, fühlt oder in welcher Gemütsstimmung sie sich gerade eben befindet. Will man sich mit ihr unterhalten, betritt man eigentlich immer die Höhle des Löwen und geht das Risiko ein, gefressen oder freundlich lächelnd empfangen zu werden.

Alij ist ein regelrechtes Chamäleon. Ihre Launen wechseln mit dem Wind und sie zu beschreiben ist eigentlich unmöglich. Sie kann einerseits irrsinnig freundlich und liebenswürdig sein, sodass sie jeder gern hat. Andererseits aber ist sie absolut ekelhaft und gefühllos und man kann sie eigentlich nur hassen und verabscheuen. Sie ist freundlich und zuvorkommend und dann plötzlich wieder unfreundlich, mürrisch und schnippisch. Es ist recht schwierig mit ihr umzugehen und es fällt auch denen, die sich als ihre Freunde bezeichnen nicht immer leicht, mit ihrem Wesen klarzukommen.

Wenn man sich mit ihr trifft und sie gut gelaunt ist, kann es schon passieren, dass man sich mit einem falschen Satz das Treffen komplett ruiniert. Sie ist recht oft gut gelaunt, aber wenn man irgendetwas erwähnt oder sagt, das ihr nicht so ganz in den Kram passt, kann sie recht böse werden und ungemütlich. Kalt und gefühllos ist sie oft, wenn es um Menschen geht, die sie nicht sonderlich mag. Sie sagt was sie denkt über etwas oder jemanden auch wenn dieser daneben steht, da ist sie recht kalt. Unpünktlichkeit ist auch ein Thema, wo man sich sicher sein kann, dass sie nicht gut auf jemanden zu sprechen ist. Wenn man zu spät kommt, sollte man besser sehr krank sein und sich telefonisch entschuldigen und gar nicht erscheinen oder man muss irgendwie das Treffen durchstehen mit einer sehr bissigen Alij.

Für wirklich gute Freunde ist Alij immer da und eine gute Zuhörerin, die eigentlich nie jemandem im Stich lässt. Außerdem ist sie absolut ehrlich und man würde ihr eine Lüge an der Nasenspitze ansehen, da sie das überhaupt nicht kann, also versucht sie es erst gar nicht. Außerdem ist sie der Meinung, dass Leute die Wahrheit hören sollten und diese sie verdienen, ob positiv oder negativ.


Fähigkeiten:
Durch ihr hervorragendes Gedächtnis fällt es ihr extrem leicht, sich Dinge zu merken und vergisst so schnell nichts wieder und sie erkennt Zusammenhänge sofort. Mathematik war in der Schule dadurch eines ihrer Lieblingsfächer und sie konnte darin immer glänzen. Auch Gedichte auswendig lernen und sonstige Fächer, in denen ein fotografisches Gedächtnis recht nützlich war, mochte sie recht gerne.

Alij ist ein sehr fantasievoller Mensch und hat sich schon oft einfach eine eigene Traumwelt erschaffen, um sich dort zurückzuziehen. Auch lebt sie ihre Kreativität und Fantasie auf ihrem Zeichenblock aus. Darin ist sie zwar nicht so gut, aber sie ist selten ohne Skizzenblock anzutreffen. Ebenso lebt sie sie durch das Spielen einer Gitarre aus, auf der sie schon einige Melodien erfunden hat, die sie immer wieder spielt und sich Gedanken über einen Songtext dazu macht. Sie will zwar keine Sängerin werden, aber sie findet es schön, ihre Gefühle in Melodien und Worte zu fassen und sie so zum Ausdruck zu bringen.


Schwächen:
Durch ihre Ehrlichkeit ist Alij oft viel zu direkt, da sie jedem ins Gesicht sagt, was sie von ihm hält. Sie spricht ihre Gedanken aus und denkt erst danach darüber nach, ob das hätte sein müssen oder nicht. Aber sie bereut nur sehr selten was sie sagt, auch wenn sie jemanden damit verletzt. Ihrer Meinung nach hatten dumme Leute auch verdient, zu erfahren, dass sie dumm waren. Sie findet es idiotisch, jemandem nicht zu sagen, was man von einem dachte und nimmt selbst die Kritik auch recht gut auf, wenn sie einmal jemandem begegnet, der so offen ist wie sie.

Durch ihre Ungeduld kann Alij ab und zu richtig aufbrausen und jähzornig werden. Wenn etwas nicht so geschieht, wie sie es erwartet hatte oder es zu lange dauert, wird sie schlecht gelaunt, was zur Folge hat, dass sie aus der Haut fährt. In ihrer Nähe zu stehen ist dann meist nicht sehr klug, da sie auch um sich schlagen kann, wenn sie wirklich wütend wird. Meist beruhigt sie sich sehr schnell wieder, aber dem ist nicht zu trauen. Vor einem Sturm ist es auch oft ruhig und dann geht’s erst richtig los, so ist es auch bei Alij.


Urängste:
Alij hat absolute Höhenangst. Wenn man sie an den Rand eines Felsen stellen würde, um hinabzublicken, würde sie vor Angst erstarren und total verkrampfen. Auch in höheren Stockwerken fühlt sie sich unwohl und weigert sich ans Fenster zu gehen, um die Aussicht zu genießen. Ebenso steht sie an keinem Geländer, aus Angst, sie könnte hinabstürzen. Was zusätzlich dadurch natürlich nicht möglich ist, sind Reisen in Länder, die weit weg sind, da sie sich nie im Leben in ein Flugzeug setzen würde. Auch die Hobbies wie Fallschirmspringen, Paragleiten oder Bergsteigen, die Freunde und Kollegen von ihr betreiben, wird sie nie verstehen und lösen bei ihr eine regelrechte Gänsehaut aus.


Waffen:
Alij besitzt keine Waffen.


Lebensgeschichte:
„Sanft erklangen die ersten Klänge ’Nocturnes’ von Chopin als sich die hoch schwangere Frau vorsichtig in den hölzernen Schaukelstuhl auf der Terrasse setzte. Leicht wippte sie im Takt mit und hörte zusätzlich das sanfte Knarren des Holzes, als sie sich bewegte. Mit geschlossenen Augen genoss sie die Musik und stellte sich vor, wie ihr kleines Baby, geschützt von ihrem Leib zusammengerollt in ihr lag und sich langsam anfing, zu bewegen. Ein Fingerchen nach dem anderen öffnete und fasziniert davon war.

Wohlig räkelte sie sich in diese Gedanken versunken und sanft streichelte sie ihren Bauch, drückte leicht gegen die gespannte Wand, um eine Reaktion von Innen her zu bekommen. Sie freute sich, als das Baby mit seinen kleinen Fäusten - oder waren es die Beinchen? - dagegen boxte. Bei ihrem letzten Arztbesuch hatte sie erfahren, dass sie mit einem zweiten Mädchen gesegnet würde und sie freute sich schon auf den Zeitpunkt, an dem sie das kleine Wesen in ihren Händen halten konnte.


Es war ein lauer Sommerabend. Die Vögel zwitscherten und die Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in ein helloranges Licht. Die Blätter an den Bäumen wogen leicht im Wind und die sanfte Brise war angenehm warm. Ein Schrei… Plötzlich durchteilte ein Schrei die wunderbare Stille und die Vögel verstummten. Einige erhoben sich in die Lüfte und kreisten um das große Haus, das mitten in einem wunderschönen Garten stand. Dann… ein leichtes, dünnes Wimmern, ein Geräusch, das von neu erschaffenem Leben zeugte.“



Leise kratzte die Feder über das Papier, das vor mir lag. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, aber ich bildete mir ein, mein Leben niederschreiben zu müssen und ich fand, das ist eine schöne Einleitung. Ich stellte mir immer vor, dass es so gewesen sein musste…


Mit verträumtem Blick schaute ich hinaus. Es war regnerisch, genau das richtige Wetter für so ein Vorhaben. Ich hatte nicht vor, alles aufzuschreiben, ich glaube, dann würde ich nicht mehr fertig, aber ein paar Situationen, an die ich mich erinnerte, egal, wie unwichtig sie waren. Einfach Situationen, die mich schmunzeln ließen oder vielleicht auch ärgerten, was bei mir recht schnell der Fall sein konnte, da ich eigentlich ein recht wechselhaftes Wesen war. In Gedanken formte ich meine erste Erinnerung, die mein Leben wirklich geprägt hatte. Leise lächelte ich, ich hatte meinen Lehrern viel zu verdanken und war froh, das sie mich immer unterstützt hatten. Mit diesem Lächeln auf den Lippen wandte ich mich den Blättern zu, um niederzuschreiben, was mir gerade durch den Kopf ging.


“Ein wenig verschlafen schlug das kleine Mädchen mit seiner Hand nach einer Fliege, die sich gerade summend auf ihrem Arm niedergelassen hatte. Diese flog kurz in die Höhe, setzte sich aber ein paar Zentimeter weiter wieder hin, als sie bemerkte, dass das Mädchen keine all zu große Gefahr darstellte. Wieder schlug die Hand vergeblich nach dem Tier, das sich nun die Klassenbank als Spazierweg aussuchte.

Träge hob Alij ihren Kopf und beobachtete das lästige Wesen und blickte dann aus dem Fenster, neben dem sie ihren Platz hatte. Die Sonne schien und sie wünschte sich, sie könne hier weg, baden gehen, so wie den ganzen Sommer lang. Sie hasste die Schule. Es war langweilig und die Lehrerin wiederholte alles immer hunderte Male. Warum nur? Glaubte sie etwa, sie seien alle dumm? Dass sie die einzige sei, die alles weiß und sie die kleinen Schüler behandeln musste, als wären sie begriffstutzig?

Unwillig blickte sie nach vorne, wo die junge Lehrerin stand und schon zum vierten Mal erklärte, wie man eine Zahl mit einer anderen mal nimmt. Sie zog eine Schnute und konnte sich einfach nicht mehr beherrschen. “Das wissen wir doch schon! Das ist doch ganz einfach! Können sie uns nicht etwas Neues zeigen?“, rief sie heraus. Ihre Banknachbarin und auch alle anderen Kinder, sowie die Lehrerin schauten sie verblüfft an.

“Du gibst doch nur an, Kleine. Komm heraus und rechne uns vor, damit wir auch alle sehen, dass du es wirklich begriffen hast.“ Fräulein Feuerstein war ein wenig gereizt. Sie hatte schon bemerkt, dass Alij nicht aufgepasst, sondern geschlafen hatte und ihre wichtigtuerische Art konnte sie nicht leiden. Sie selbst hatte länger gebraucht als Kind, um die Zusammenhänge der Mathematik zu verstehen und wollte nicht ganz einsehen, dass dieses Mädchen das so viel schneller schaffte als alle anderen.

Mit stolz erhobenem Kopf stand die Kleine auf und marschierte an ihrer Banknachbarin Jane, die sie nicht all zu sehr mochte, vorbei, direkt auf die Tafel zu. Im Vorbeigehen nahm sie sich die Kreide von der Lehrerin, die sie sie auffordernd hinhielt und schrieb dann mit kindlicher Schrift nacheinander alle Ergebnisse der zehn Rechnungen, die auf der Tafel standen, hin. Mit trotzig aufforderndem Blick schaute sie der sprachlosen Frau in die Augen und stolzierte dann wieder auf ihren Sitzplatz.

Nach dem Unterricht rief Frau Feuerstein Alij zu sich. “Gib das bitte deinen Eltern. Und bring es mir morgen unterschrieben wieder zurück.“, sagte sie und hielt dem Mädchen einen verschlossenen Umschlag hin. Diese nickte und machte sich auf den Heimweg. Sie wollte nur zu gern wissen, was in diesem Briefchen stand, aber wenn sie das Kuvert aufmachte, würden es ihre Eltern bemerken, also beeilte sie sich, und hoffte, dass sie es trotzdem erfahren würde.

Zuhause angekommen stürmte sie durch die Türe in die Küche. “Mama! Mama! Ich hab da einen Brief für dich von der Frau Lehrerin. Machst du ihn auf? Ich will auch wissen, was sie geschrieben hat.“, quengelte sie gleich. Ihre Mutter drehte sich erstaunt vom Herd um, an dem sie gerade ein Mittagessen zubereitete, als ihre Tochter die Wohnung stürmte. “Was hast du angestellt Kind? Warum schickt sie einen Brief mit?“ Besorgnis schwang in ihrer Stimme. Briefe aus der Schule hatten selten etwas Gutes zu bedeuten. Sie nahm dem Kind das Kuvert ab und legte es auf den Tisch. “Damit warten wir, bis dein Vater heim kommt. Davor schauen wir den Brief beide nicht an, OK?“

Ungeduldig murrte das Kind und verzog sich ins Zimmer, wo sie sich mit ihren Hausaufgaben beschäftigte. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin und die schulischen Dinge fielen ihr alle leicht. Endlich, am Abend kam ihr Vater heim und sie wich ihm nicht von der Seite, um auch ja nicht zu versäumen, wenn der Brief geöffnet wurde. Der lang ersehnte Augenblick rückte näher, als dieser den Umschlag in die Hand nahm und einen bedeutenden Blick mit seiner Frau wechselte. “Du gehst jetzt schlafen Alij. Was da drinnen steht, können wir dir morgen auch noch sagen. Es ist schon spät und du hast morgen Schule.“ Entsetzt schaute das Kind ihren Vater an. “Ich will aber wissen, was da drinnen steht, ich will es jetzt wissen. Es ist über mich, also darf ich auch wissen, was es ist.“, rief sie mit erhöhter Lautstärke und wütendem Blick. Sie hasste es, so behandelt zu werden. Sie war noch ein Kind, aber sie war nicht dumm. Der Blick ihres Vaters ließ sie allerdings verstummen. Murrend und schlecht gelaunt trampelte sie die Treppe so laut sie konnte ins obere Stockwerk, wo sie mit ziemlichem Lärm, damit ihre Eltern auch ja wussten, was sie genau tat, sich fürs Bett fertig machte.

Endlich war es ruhig geworden und der besorgte Vater nahm das Kuvert, um es langsam und vorsichtig zu öffnen, als handelte es sich um einen explosiven Inhalt. Was er danach allerdings zu lesen bekam, ließ einen erstaunten Ausdruck auf seinem Gesicht erscheinen. Schnell nahm seine Frau ihm den Brief aus der Hand und auch sie war verblüfft. Ganz anders als erwartet, war hier kein Tadel zu finden, kein Schreiben von der Direktion, dass sich ihr Kind ungebührlich verhalten hätte. Geradezu das Gegenteil war der Fall. Die Schule bat die Eltern, das Kind von einem Psychologen untersuchen zu lassen, da ihr IQ anscheinend überdurchschnittlich sei und die Schule gerne Gewissheit hätte. Anbei stand auch, dass sich Alij im Unterricht sehr langweilte, weil sie einfach zu gut für ihre Klasse war und man schlug eine Versetzung vor.


Eine Woche später, war das Ergebnis des Tests vorhanden und die Mutmaßung der Direktion hatte ins Schwarze getroffen. Alijs IQ war wesentlich höher als der Durchschnitt und man beabsichtigte sie, mit dem Halbjahr zu versetzen, damit sie wieder gefordert wurde. In ein paar Einzelstunden nebenher, versuchte der Direktor persönlich, Alij mit dem Stoff der Klasse über ihr vertraut zu machen, damit sie sofort den Anschluss fand und mit dem Halbjahr wurde sie in die Stufe höher versetzt.“


v Wieder lehnte ich mich zurück. Diese Erinnerung bedeutete mir viel. Mein ganzes Leben wurde durch die Entscheidung meiner Lehrer beeinflusst. Was wäre gewesen, hätten sie mich nicht beachtet? Wäre mein Intellekt verkümmert? Wäre ich glücklich geworden? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in dieser Klasse gesessen und mich über meine Lehrerin aufgeregt hatte. Ich verstand wirklich nicht, was eigentlich los war, dass ich anders war als die anderen.

Langsam stand ich auf und streckte mich ein wenig. Das Sitzen machte unglaublich ungelenkig und ich ging ein paar Schritte, um meine Beine wieder zu durchbluten. Automatisch nahm ich den Weg in meine Küche, um mir auch gleich einen Tee zu machen. Ich hatte Durst und Tee war eigentlich mein Standardgetränk. Ein wenig verträumt blieb ich neben dem Herd stehen und dachte an die Schulzeit, bis das Pfeifen des Kessels mich daran erinnerte, das das Wasser heiß geworden war. Schnell nahm ich es vom Herd und machte meinen Tee, fluchte leicht, als ich mich am Kessel verbrannte, wanderte dann aber mit meiner vollen Kanne und einer Tasse wieder in mein Arbeitszimmer, in dem die Bögen darauf warteten, beschrieben zu werden.


“Ich will NICHT mitkommen!“, wütend stampfte das Mädchen, das inzwischen zehn Jahre zählte, auf den Boden. Sie hatte gerade erfahren, dass sie ihre Oma besuchen gehen wollten und das passte ihr überhaupt nicht in den Kram. Viel lieber wollte sie sich mit ihrem Freund Matthias treffen und im nahe gelegenen Wald spielen gehen, anstatt sich zur Oma setzen und sich anhören zu müssen, dass sie ja so hübsch sei und so groß geworden. Das wusste sie selbst, seit dem letzten Besuch einen Zentimeter. Sie hatte es extra abgemessen, damit sie es ihrer Großmutter sagen konnte.

Sie verstand überhaupt nicht, warum ältere Menschen immer so taten, als wäre sie noch ein kleines Kind. Sie fühlte sich viel älter als sie war, was vermutlich daran lag, dass sie dieses Jahr zum zweiten Mal eine Klasse übersprungen hatte. Ihre Lehrer förderten sie alle und sie hatte keine Probleme, zu lernen und mit der höheren Klasse mitzukommen. Allerdings gab es einige eifersüchtige Schulkolleginnen, denen es nicht ganz behagte, dass das wesentlich jüngere Mädchen sich so leicht tat, wobei sie Schwierigkeiten hatten.

“Du wirst. Zieh dich an, wir fahren gleich.“, meinte ihr Vater Richard, ein angesehener Anwalt, knapp. Er wusste, dass seine Tochter sich ihm fügen würde, auch wenn sie nicht wollte, er und sein Wort waren immer die letzte Instanz, dagegen lehnte sie sich normalerweise nicht auf. Mirabell, die Mutter von Alij und auch ihre fünf Jahre ältere Schwester Gloria waren schon fertig und warteten ungeduldig. Gloria war das absolute Gegenteil von Alij. Ein ruhiges, nicht all zu intelligentes Mädchen, das sich immer den Anweisungen der Eltern fügte. Die Zwei waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Murrend und widerwillig zog Alij sich an, ließ sich aber Zeit dabei, bis sie den Blick ihres Vaters sah, der sie doch noch dazu bewegte, sich doch schneller anzuziehen. Stur blickte sie die ganze Fahrt gerade aus und redete kein Wort. Sie hasste die Besuche bei ihrer Oma und wollte keinem den Gefallen machen, ihre Laune zu ändern. Dort angekommen, stieg sie langsam aus dem Auto und hielt sich im Hintergrund. Natürlich blieb ihr die Begrüßung ihrer Großmutter nicht erspart. “Ja wen haben wir denn da? Du bist aber groß geworden. Und so hübsch. Komm, gib deiner Oma einen Schmuser.“, waren die freundlichen Worte, die sie empfingen. Mit finsterem Gesicht ging sie vor und drückte einen Schmatzer auf die leicht runzelige Wange. “Ich bin nur einen Zentimeter größer, so viel ist das gar nicht.“, meinte sie stur und verschwand kurz darauf im Garten, um den Nachmittag mit den Katzen zu verbringen, die es hier reihenweise gab.

Die Mutter von Richard schaute diesen fragend an. “Lass sie, sie ist heute wieder einmal unerträglich“, seufzte dieser und sie gingen hinein, um Kaffe zu trinken, Kuchen zu essen und sich die letzten Tage zu erzählen. Gloria war, ganz im Gegensatz zu Alij bei ihren Eltern geblieben und leistete diesen auch höflich Gesellschaft, auch wenn sie sich langweilte. Sie würde sich nie widersetzen, dazu war sie zu gut erzogen. Dennoch betrachtete sie ihre kleine Schwester mit Missmut. Sie fand es schlimm, dass Alij sich nicht zügelte und so gehorsam war wie sie. Sie verstanden sich nicht sonderlich, die zwei Schwestern. Zu unterschiedlich waren sie im Charakter, ihrem Verhalten und auch im Aussehen. Gloria ähnelte ihrer Mutter, die ein wenig mollig war, und auch Gloria tendierte zu dieser Figur.

Gekreische und Gelache und hin und wieder eine wütende Schimpftirade unterbrachen die Gespräche zwischen den Eltern und der Gro0ßmutter. Gloria saß nur still daneben und lächelte freundlich. Sie antwortete nur, wenn sie gefragt wurde. Immer wieder hörte man, wie Alij wütend mit den Katzen redete und kurz darauf wieder lachte. Sie spielte mit ihnen und wurde jedes Mal zornig, wenn eine sie gekratzt oder gebissen hatte, nur weil sie wieder ein wenig zu stürmisch gewesen war. Irgendwann hörte man auch ein wütendes Fauchen und Jaulen einer der Tiere, das das Mädchen versehentlich an der Innenseite der Hand getroffen hatte und dafür am Schwanz gezogen wurde.

Nach einem langweiligen Tag bei der Großmutter fuhren sie am Abend endlich wieder nach Hause. Alijs Laune hatte sich nicht sonderlich gebessert, obwohl sie die meiste Zeit mit den Katzen verbracht hatte. Das waren vermutlich die einzigen Wesen, die ihre Stimmungsschwankungen nicht all zu sehr mitbekamen. Im Auto war sie still, genauso wie auf der Hinfahrt und schaute aus dem Fenster. Ein Baum nach dem anderen flog vorbei und sie versuchte, sie zu zählen, was allerdings ein unmögliches Unterfangen war.“



Leise seufzte ich, als ich an diesen Besuch dachte. Die Katzen hatten es wirklich nicht leicht mit mir gehabt. Mir taten die Tiere heute noch leid, die meinen damaligen Missmut erleben mussten. Meine Großmutter war inzwischen gestorben, Krebs sagten meine Eltern. An mir war der Tod irgendwie vorbei gegangen. Ich hatte mich nie sonderlich mit ihr verstanden und somit stellte es keinen sonderlich großen Verlust da, dass sie weg war.

Automatisch griff ich nach der Tasse, um wieder einen Schluck Tee zu trinken, als ich feststellte, dass sie leer war. Langsam schenkte ich nach, darauf bedacht, keine Flecken auf dem Tischtuch zu hinterlassen. Als ich dann einen Schluck nahm, merkte ich, dass der Tee inzwischen kalt geworden war. Allerdings war dies nicht weiter schlimm, ich trank meinen Tee oft kalt. Während das Getränk meine Kehle hinunter rann, überlegte ich, welche Erinnerungen noch wert waren, festgehalten zu werden. Lächelnd dachte ich an eine Situation mit Matthias. Er war mein bester Freund, vermutlich der Einzige, der mit meinem Wesen, meinen Gefühlsschwankungen und meiner etwas verrückten Art wirklich zurecht kam. Damals allerdings wäre er vermutlich froh gewesen, wenn ich weit, weit weg gewesen wäre.


“Ungeduldig wartete Alij auf ihren Freund. Matthias hatte versprochen, pünktlich im Cafe zu sein, in dem sie sich immer trafen. Er war schon eine Minute zu spät und das Mädchen war heute nicht gewillt, lange zu warten. Alle fünf Sekunden blickte sie auf die Uhr, die ihr schlankes Handgelenk zierte, um nur festzustellen, dass die Zeit immer noch nicht weiter vorgerückt war. Ihr hübscher Mund verzog sich zu einer Schnute. Warum war er noch nicht hier? Er wusste ganz genau, dass sie es nicht leiden konnte, wenn jemand unpünktlich war. Genervt schaute sie zum X-ten Mal zur Tür, die sich gerade öffnete, aber herein kam ein Mädchen in ihrem Alter. Wieder schaute sie aus dem Fenster, das Mädchen interessierte sie nicht.

“Hallo Alij“, hörte sie plötzlich die Stimme von Matthias. Schnell wandte sie ihren Kopf. Sie hatte doch niemanden mehr herein kommen gehört. Dann sah sie ihren besten Freund, den Arm um das Mädchen, das Alij vorhin nicht beachtet hatte, geschlungen. Ein leichtes Stirnrunzeln zeigte sich auf dem zarten Gesicht von Alij. Das war also der Grund des zu spät Kommens. Mit kritischem Blick musterte sie das Mädchen von oben bis unten. Na ja, ein wenig dünn war sie, das was die meisten Typen eben bevorzugten, am Arm hängen zu haben. Langsam wanderten ihre Augen wieder zu ihrem Freund, dem die musternden Blicke anscheinend unangenehm waren.

“Du bist zu spät.“, meinte sie knapp, drehte sich dann zu dem Mädchen. “Matthias, willst du uns nicht vorstellen?“. Fragend hob sie eine Augenbraue und schaute ihm in die Augen. Ein wenig übereifrig und mit leicht geröteten Wangen, ob aus Verlegenheit oder weil er sich für Alij schämte war nicht ersichtlich, stellte er nun seine Begleiterin vor. “Alij, das ist Sandra, meine Freundin. Sandra das ist Alij, die Frau, die mich wohl am besten kennt.“ Immer noch ein wenig abschätzend betrachtete Alij die Freundin von Matthias und ließ sich dann dazu herab, ihr die Hand hinzuhalten. “Alij… Setzt euch.“

Bei Matthias Worten war ein eifersüchtiges Blitzen in den Augen von Sandra zu sehen gewesen und Alij amüsierte sich im Stillen. Vermutlich ärgerte sie sich, weil ihr Freund behauptet hatte, dass sie ihn am besten kannte, aber was erwartete sie sich? Das sie in zwei Wochen – so lange waren die Zwei schon zusammen – aufholte, was sie in fast zehn Jahren erfahren hatte? Leicht schüttelte sie ihren Kopf und die samtenen Haare umschmeichelten ihr Gesicht. Sie beobachtete Sandra, die schon fast Besitz ergreifend ihre Hand auf die Seine legte und ihre Gegenüber mit deutlichem Missfallen betrachtete.

Endlich kam die Kellnerin und die Situation änderte sich ein wenig, da ihr sich die Blicke zuwandten. Alij bestellte nur einen schwarzen Kaffe und wandte sich dann wieder zu den zweien um, die es nicht lassen konnten, vor ihren Augen zu turteln. Leicht genervt verdrehte sie die Augen. OK, das Treffen war dafür gedacht, die neue Freundin von Matthias kennen zu lernen, aber musste sie sich so was wirklich antun? Ihre Augen schweiften von dem Liebespärchen ab und sie beobachtete die anderen Gäste im Cafe. Alles war interessanter als das Flirten der Zwei ihr gegenüber.

Kurze Zeit später kam die Kellnerin und brachte ihnen das Gewünschte an den recht schweigsamen Tisch. Vermutlich wunderte sie sich, warum hier alle saßen und nichts redeten. Alij widmete sich ihrer Tasse und wandte ihren Blick wieder auf Matthias und Sandra. “Und, was habt ihr heute noch vor?“, versuchte sie es mit Small Talk. Nicht dass es sie interessierte, sie war nur das Schweigen leid. Sie ignorierte dabei die Besitz ergreifenden Gestiken, die von Sandra ausgingen und richtete die Frage eigentlich nur an ihren Freund. Was dieses Mädchen machte, war ihr egal wie die Luft, die sie atmete.

Matthias schaute seine Freundin an, die in dem Kuchen stocherte, den sie bestellt hatte. “Nun ja, ich denke, wir werden die restliche Zeit dann zu Hause verbringen. Stimmts mein Herz?“, richtete er die letzte Frage an das Mädchen. Diese setze ein laszives Lächeln auf – zumindest versuchte sie es, was Alijs Meinung nach eher wie Grimassenschneiden ausschaute – und bestätigte das und warf Alij dann einen triumphierenden Blick zu.

Diese hatte langsam die Schnauze voll, trank ihren Kaffee mit einem Zug aus und verrückte den Stuhl. “Sorry, Matthias. Du weißt, ich hab dich gern, aber deine Freundin ist ne dumme Ziege. Schieb sie ab, solange es noch nicht zu spät ist und sie dich nicht nach Strich und Faden ausgenutzt hat.“, drehte sich um und ging zur Kellnerin, um zu bezahlen und danach das Cafe zu verlassen.


Matthias erzählte ihr an einem anderen Tag, dass er sich noch nie so blamiert vorgekommen war und war recht sauer auf seine so genannte beste Freundin. Eine Weile lang schottete er sich von ihr ab und sie sahen sich recht wenig, aber schlussendlich kam er doch zu ihr zurück. Alij hatte Recht gehabt. Sandra hatte ihn finanziell ausgenützt und nebenher eine zweite Beziehung am laufen gehabt und ihn die ganze Zeit betrogen. Das Mädchen schwieg als ihr Freund ihr das alles ziemlich deprimiert und wie vor den Kopf geschlagen erzählte. Natürlich hätte sie ihm sagen können, dass sie Recht gehabt hatte, aber das brachte nichts und sie wollte ihn nicht verletzen. An diesem Abend zogen sie um die Häuser und Alij hatte ihren Freund mitten in der Nacht ziemlich betrunken dann bei sich zu Hause schlafen gelassen, da sie das seinen Eltern nicht antun wollte und ihre waren da recht tolerant.


Ja, das war ein Tag gewesen in diesem Cafe. Ich konnte mir auch heute das Grinsen nicht verkneifen, wenn ich an das Gesicht von dieser Sandra dachte. Ich hatte ihr wohl einen gewaltigen Schock versetzt, als ich das was passieren würde so deutlich gesagt hatte. Ich hätte sie damals zwingen sollen, sich zu trennen, dann wäre meinem Freund einiges an Leid erspart geblieben, aber es war seine Entscheidung und ich konnte sie nicht beeinflussen und wollte auch nicht.

Leicht wippte ich auf meinen Stuhl auf und ab. Die Zeit nach diesem Cafebesuch war nicht sonderlich nett gewesen. Ganze drei Monate waren die Zwei zusammen gewesen und in dieser Zeit hatte Sandra mich vor ihm schlecht gemacht und sich alles Mögliche einfallen lassen, warum Matthias mich meiden sollte. Sie hatte es auch recht gut geschafft und wir sahen uns nur selten und wenn, dann war das Verhältnis sehr unterkühlt.

Nach den drei langen Monaten machte sie endlich einen Fehler und die Beziehung zu dem zweiten Typen flog auf. Matthias kam recht deprimiert zu mir. Die Nacht, in der wir von einem Lokal zum anderen zogen war eigentlich recht amüsant, wenn man davon absah, dass er sich unter den Tisch soff und mir die ganze Zeit vorjammerte, wie grausam und böse Sandra doch war und wie sehr er sie geliebt hatte und welche Rachepläne er nun vorhatte. Nichts von all dem wusste er am nächsten Tag noch, als er bei mir in der Wohnung auf der Couch aufwachte. Sein Kopf fühlte sich vermutlich dreimal so groß an und die Wohnung drehte sich, aber bleibende Schäden, in Form von monatelangem Liebeskummer waren ihm nicht geblieben. Er hatte Sandra recht schnell wieder vergessen und seine jetzige Freundin kennen gelernt, mit der er nun schon seit drei Jahren zusammen war. Dieses Mädchen hieß Silke und passte wunderbar zu ihm und auch wir vertrugen uns sehr gut.

Leicht kaute ich an meinem Füller, der das ganze hier nun nieder schreiben musste. Was könnte ich sonst noch über mich erzählen? Was wäre lesenswert? Der Blick schweifte durch meine Wohnung und blieb an ein paar Muttern, die auf einer Schraube fest gemacht waren hängen. Ja, wie ich zu diesem Erinnerungsstück gekommen bin, wäre sicher noch erwähnenswert.


Alij hatte von Geburt an einen etwas kürzeren Fuß, um es genau zu nennen, es waren fast drei Zentimeter. Die ganze Zeit hatte sie Schuheinlagen getragen oder erhöhte Absätze auf dem Schuh machen lassen, aber nun war sie endlich ausgewachsen und das Bein war immer noch zu kurz. Daher beschloss ihr Orthopäde, sie zu operieren, das Bein so zu verlängern, damit die ständigen Rückenprobleme aufhörten, wenn sie zu lange stand oder Sport betrieb.

Mit zwanzig kam sie dann in ein nahe gelegenes Krankenhaus, wo sie dann operiert wurde. Man erklärte ihr vorher alles, wie es vonstatten ging und auch wenn sie ein wenig Angst hatte, ließ sie diesen notwendigen Eingriff zu. Selbst sehr interessiert an Medizin und den Möglichkeiten, die sich boten, war sie recht interessiert daran, was man nun mit ihr vorhatte. Der Arzt hatte ihr erklärt, dass sie am Unterschenkel beide Knochen brechen würden und durch ein Gestell, das dann an ihrem Bein – und ihren Knochen – befestigt würde, der Unterschenkel langsam auseinander gezogen wurde und somit der Knochen nachgebildet werden konnte auf die drei Zentimeter, die zwischen den zwei Knochenteilen fehlen würden.

Am Abend bekam sie nichts zu essen, damit sie nüchtern war am nächsten Tag und so schlenderte sie durch das Krankenhaus, während die anderen aßen und setzte sich an ein Fenster, um die Landschaft zu betrachten. Ihre Gedanken schweiften zu ihrem besten Freund, der bestimmt mit Silke, seiner Freundin, im Kino war oder sich sonst irgendwie die Zeit vertrieb. Langsam stand sie wieder auf und betrat das Krankenzimmer, in dem die anderen langsam fertig waren mit dem Essen und sich zum Schlafen herrichteten. Es war noch früh, aber in Krankenhäusern liefen die Uhren anders, also machte auch Alij sich fertig, legte sich in ihr Bett und war recht bald darauf eingeschlafen.

“Morgen, Temperatur messen bitte.“, weckte sie die Stimme der Schwester, die gerade die Thermometer an alle verteilte. Bei Alij blieb sie stehen. “Sie kommen recht bald dran, also bitte nicht mehr fort gehen.“ Stumm nickte das Mädchen und nahm das Thermometer entgegen, das sie kurz darauf mit einer normalen Körpertemperatur auf der Anzeige wieder zurück gab. Ungeduldig wartete sie nun, dass die Schwestern kamen, die sie in den OP führen würden und sie musste nicht lange warten. Eine halbe Stunde nach dem Frühstück, bei dem sie wieder nichts bekam, kamen diese und Alij wurde in den Anästhesieraum geführt, in dem sie die Narkose bekam.

Zwei Stunden später wachte sie leicht benommen in ihrem Krankenzimmer wieder auf und blickte zu ihrem Bein. Es war verdeckt durch die Decke und sie hob diese vorsichtig an, um darunter zu schauen. Was sie sah, gefiel ihr nicht und ihr wurde leicht übel, als sie das sah. Sie hatte zwar gewusst, wie das alles ausschauen würde, aber sie hatte es sich nicht an ihrem eigenen Körper vorstellen können.


Eine Woche nach der Operation wurde sie entlassen. Inzwischen konnte sie sich mit Krücken fortbewegen und wusste, wie sie sich am besten verhielt, um sich nicht unnötige Schmerzen zuzufügen. Ihre Eltern und Matthias holten sie ab, gingen langsam neben ihr her, da sie sich weigerte, irgendwelche Hilfe anzunehmen. Sie wollte es alleine schaffen.


In den ganzen 9 Monaten, die sie das Gestell an ihrem Bein hatte, nahm sie Schmerztabletten, um normal leben zu können. Sie ging weiter mit diesem Ding an ihrem Bein auf die Uni und wurde von den meisten eigentlich ganz normal behandelt. Ein wenig mehr Rücksicht nahmen alle, aber ansonsten war nicht viel anders. Sie hatte sich extra eine Hose machen lassen, die dieses Gestell so gut wie möglich verbarg und lernte recht bald auch ohne Krücken zu gehen, was ihr anfangs schwer fiel, aber mit der Hilfe von Matthias und Silke bald kein Problem mehr war.

Nach diesen neun Monaten kam sie endlich wieder ins Krankenhaus, nicht zur Kontrolle wie sonst immer in letzter Zeit, sondern um dieses Ding wieder loszuwerden. Nach der Operation wachte sie mit einem wesentlich leichteren Bein wieder auf, das nun einige Narben – 17 an der Zahl – zierten. Wieder musste sie mit den Krücken anfangen zu laufen, nicht weil das Bein es nicht aushalten würde, sondern weil ihre Muskulatur sich zurück gebildet hatte und das Bein sie schlicht und einfach nicht trug.



Ein wenig nachdenklich betrachtete ich nun eben dieses Bein. Es war ein recht schmerzhafter Prozess gewesen, aber ich würde es jederzeit wieder machen. Langsam krempelte ich das Hosenbein hoch. Die Narben waren weiß, verblassten langsam und waren nicht alle sichtbar. Dennoch trug ich seit der Operation nichts anderes mehr als lange Hosen und Röcke. Ich mochte nicht, wenn mich Leute anstarrten, sich hinter meinem Rücken über die Narben unterhielten und sich fragten, was ich angestellt hatte. Ich konnte dieses Getuschel nicht leiden.

Sanft strich ich darüber, über die Haut, die sich dort gebildet hatte und sich leicht anders anfühlte. Seither hab ich keine Probleme mehr mit meinem Rücken gehabt, alles war wunderbar verlaufen. Nur ein paar Nerven am Bein schienen verletzt worden zu sein, denn an manchen Stellen fühlte sich das Bein anders an, ich spürte nicht jede Berührung.

Gleichgültig ließ ich das Hosenbein wieder hinunter fallen und schaute auf die Uhr. Himmel, es war schon spät geworden. Eigentlich wollte ich mich mit Matthias und Silke treffen. Wir wollten essen gehen. Eilig erhob ich mich von meinem Stuhl und schmiss die beschriebenen Bögen in eine Schublade. Wer weiß, ob ich sie jemals wieder hervor holte, um weiter zu schreiben…

Schnell machte ich mich fertig, zog mich um und schminkte mich ein wenig, bevor ich mir einen langen Mantel schnappte und den Regenschirm, um das Haus zu verlassen.
Leise schnappte die Türe in das Schloss…


Geschichte: